1. Grönjer Hammer, 2018-09-29/30, ≥160km mit 4100 Höhenmetern

Irgendwann im Juni 2017 habe ich mal leichtfertig gesagt: „Ich wäre 2018 dabei, wenn ich ’nen Startplatz abbekomme …“. Wohl möglich hatte ich dabei noch die leise Hoffnung, dass ich bei einer Auslosung der Startplätze rausfalle. Tja, und jetzt war es soweit. Von den ursprünglich 17 Anmeldern stehen 12 in Bad Münder und warten auf den Startschuss von Häuptling Helmut.

Die Aufgabe des Racedirektors war „eigentlich einfach“:

Vom Start-/Zielbereich aus müssen nacheinander vier Kontrollpunkte angelaufen werden. Diese Kontrollpunkte sind besetzt und dienen auch als Versorgungsstelle. Auf dem Weg dorthin bzw. auf dem Rückweg zum Start-/Zielbereich müssen verschiedene Pflichtpunkte angelaufen werden. Diese Pflichtpunkte sind nicht besetzt und müssen entweder auf dem Hinweg und auf dem Rückweg bzw. auf dem Hinweg oder auf dem Rückweg erreicht werden.

Bei den ersten drei Runden entscheidet jeder selbst, ob er die Runden im Uhrzeigersinn oder gegen den Uhrzeigersinn läuft. Auf der letzten (vierten) Runde entscheidet der erste Läufer die Richtung. Der zweite Läufer muss entgegengesetzt laufen, der Dritte läuft die Runde wieder wie der Erste usw…

 

Start/Ziel jeder Runde:

N52° 12.404′ E9° 28.336

 

Runde

Kontrollpunkte

Pflichtpunkte

Hin oder Rückweg

Hin- und Rückweg

1

N52° 05.976′ E9° 38.072′

N52° 12.098′ E9° 31.157′

X

N52° 12.110′ E9° 32.515′

X

2

N52° 06.742′ E9° 23.302′

N52° 08.575′ E9° 24.751′

X

N52° 10.282′ E9° 23.018′

X

N52° 10.781′ E9° 28.443′

X

N52° 11.833′ E9° 29.719′

X

3

N52° 12.200′ E9° 15.143′

N52° 11.008′ E9° 23.677′

X

N52° 11.447′ E9° 18.780′

X

N52° 11.791′ E9° 18.490′

X

N52° 11.987′ E9° 23.319′

X

N52° 12.205′ E9° 26.707′

X

4

N52° 19.187′ E9° 23.998′

N52° 16.224′ E9° 27.229′

X

N52° 14.193′ E9° 31.286′

X

Das Erstellen und Optimieren eines Tracks fürs GPS hat dann aber doch gleich 2 Nachtschichten am PC gekostet: Möglichst kurze Strecke, möglichst wenig Höhenmeter und wo möglich immer Waldautobahn vor Wurzeltrail, um voranzukommen. Am Ende der Planung sagte mir Garmin Basecamp für meine geplante Strecke 159.0 km bei 4148m Anstieg und 4148m Abstieg. Damit alles im Rahmen dessen, was sich der Racedirector so vorgestellt hatte.

Wer sich jetzt fragt, wie denn wohl die Pflichtpunkte zwischendrin kontrolliert wurden: Hierfür bekam jeder Läufer einen GPS-Tracker, der im 20 Sekunden Takt die Koordinaten per Mobilfunk auf eine Karte im Internet an den Racedirector übertrug. Verkürzen der Strecke durch kreatives Auslassen von Pflichtpunkten wurde damit auf jeden Fall unterbunden.

Die gewählten Tracks (mit Kontroll- und Pflichtpunkten) einiger der Läufer bei google Maps …

Die erste Runde war noch easy. Klar, die Beine waren ja auch noch frisch. Punkt 08:00 Uhr bei ca. 3°C gestartet, ging es flott über Altenhagen I und Salzburg zum Kontrollpunkt zwischen Oldendorf und Osterwald. Immer wieder zeigten sich dabei tolle Bilder von Tälern im Nebel unter strahlend blauem Himmel. Manchmal war man auch selber im Nebel. Dort war es dann recht frisch. Aber es wurde schnell wärmer. Ein toller, ruhiger Herbsttag mit wenig Wind und Temperaturen um 17°C. Genial. Zurück über die höchsten Erhebungen des Osterwalds (~400m NN) und oberhalb des Springer Jagdschlosses vorbei, war ich nach 5:36h wieder zurück am Basislager in Bad Münder.

Die zweite Runde, auch noch einigermaßen easy. Hier trennte sich mein Weg und der des anderen Franks, mit dem ich bis dahin zusammen lief, ab und an. Dafür lief ich viele Kilometer zusammen mit Andreas und Michael. Auf dem Rückweg der zweiten Runde, dessen Kontrollpunkt im Nordosten von Hameln lag, muss ich dann allerdings alle Drei ziehen lassen. Etwas über 60 km gelaufen, bemerkte ich jetzt zum ersten Mal den Protest meiner Oberschenkel, insbesondere beim Bergablaufen. Mit Hilfe der Stöcke ging es jetzt von Welliehausen aus bis zum Süntelturm steil den Süntel rauf. Hier traf ich dann auch wieder auf den anderen Frank, so dass es ab hier wieder in Gesellschaft weiter ging. Auf den letzten Kilometern der zweiten Runde war es bereits so dunkel, dass die Stirnlampe aus dem Rucksack gekramt werden musste. Gegen 20:20 Uhr liefen wir wieder im Hauptquartier ein.

Die Pause dauerte jetzt etwas länger. Mit dem Verschwinden der Sonne spürte man nämlich schon, wie die Temperaturen sanken und es galt sich für die Nachts angesagten 2-3°C umzuziehen. 3/4 Hose gegen lange Hose getauscht, langes Untershirt, dünne winddichte Jacke, ein paar frische Schuhe und ein Stirnband. Dazu Käsewürfel und Pellkartoffeln. Mein Lieblingsgericht des Tages. Noch war Hunger da.

Auf zur dritten Runde. Das Anlaufen fiel schwer. Dann zunächst eine ewig lange Steigung auf den Kamm des Süntels hoch und irgendwann, mit den meckernden Oberschenkeln, wieder steil runter vom Kamm. Puh. Aber irgendwann kamen die beiden mit Stirnlampen bewaffneten Franks, dann doch am Kontrollpunkt der Runde 3 in Rohdental an. Mein Magen fühlte sich komisch an. „Würde das jetzt besser werden oder gar schlechter, wenn man was essen würde?“. Grit versuchte immer wieder mir die Leckereien ihres Versorgungspunktes schmackhaft zu machen. Aber ich hielt mich lieber doch zurück und beließ es bei ein paar Gummibärchen und Flüssigkeit. Der Rückweg zog sich jetzt. Mit reichlich Stockeinsatz ging es die fiesen, schiefen und endlosen Treppen zum Hohenstein rauf. Endlich oben angekommen, dann meine einzige kurze Sitzpause. 2 Minuten. Regungslos und schnaufend, zusammen mit dem anderen Frank auf einer Bank an der Teufelskanzel im Süntel. Auf dem weiteren Weg Richtung Bakede leuchteten uns 2 kräftig gelb-orange Augen an. Ein Waschbär drückte sich so flach es ging auf den Boden. Vermutlich in der Hoffnung, dass wir in so nicht sehen würden. Komische Idee, mitten auf einem geschotterten Feldweg 😉 Irgendwann nahm er dann aber doch Reißaus und man sah seine Augen noch eine Weile aus dem Unterholz leuchten. Keine Minute später dann eine Rotte Wildschweine am Wegesrand. Aber auch diese sind verschwunden, bevor ich das Smartphone für ein Foto aus der Tasche ziehen kann. Die Kompaktkamera war übrigens wohlweislich zu Hause geblieben, um bei dem für mich knappen Zeitplan keine Zeit mit Fotografieren zu vertrödeln.

Gegen 3:45 Uhr, nach 7 1/2h(!) für gerade mal 38.5km, waren wir wieder zurück am Basislager. Mir war saukalt, ich war müde, der andere Frank hatte beschlossen hier aufzuhören und ich realisierte, dass meine Zeitplanung, nämlich hier über eine Stunde Reserve auf den Cut-Off zu haben, hinfällig war. Auf große Kommunikation mit den im Umkleidebereich Anwesenden verzichtete ich bewusst, um möglichst wenig Zeit zu vertrödeln. Ein weiteres Shirt gegen die Kälte übergeworfen, Trinkvorräte ergänzt, zwei Kartoffeln mit Käsehappen und einen Keks eingeworfen und schon ging es weiter.

Kurz vor 04:00 Uhr  war ich wieder auf der Strecke. Die Deisterallee hoch, Köllnischfeld, Annaturm, Parkplatz am Nienstedter Pass, Nordmannturm, alte Taufe, Teufelsbrücke und dann endlich die Mooshütte. Man „hangelte“ sich von Punkt zu Punkt. Aber wenn man nur noch eine Pace von ca. 11:00min/km läuft, ist das zäh wie Kaugummi. Unterwegs traf ich nacheinander auf Andreas und Dennis. Beide versuchten mich glauben zu lassen, ich hätte alle Zeit der Welt bis zum Cut-Off. Dem war aber natürlich nicht so, wie bereits einfache Überschlagsrechnung über meine verbliebene Zeit bis zum Cut-Off zeigten.

Auch der Sheriff und Josha, die den Verpflegungspunkt an der Mooshütte betreuten und sich wegen mir, als letztem Läufer auf der Strecke, kalte Füße geholt haben, gaben sich alle Mühe mich mit warmen Getränken, sowie Leckereien zu versorgen. Aber der Magen mochte immer noch nicht so richtig. Immerhin, so konnte Zeit gespart werden. Der Hinweg hatte locker 4:15h gedauert. Beim Verlassen des VPs standen für den Rückweg nur noch 3:36h zu Verfügung. Als ich dann beim krass steilen Abstieg vom Deister-Kamm über den Nordmannsturm-Trail plötzlich auch noch mitten in der Pampa stand und den Weg suchte, war ich mir sicher, dass ich das Zeitlimit reißen werden. Über 20 Minuten für einen Kilometer. Haha 🙁 Der Racedirector hat zwar beim Verlassen der Basis gesagt: „Beeilen, aber keinen Stress machen“. Nur, was hatte er damit bzgl. der Toleranz beim Cut-Off eigentlich gemeint? 1 Minute, 2 Minuten, eine viertel Stunde, bis zum Abschlussessen oder vielleicht doch keine Verlängerung? Immer wieder rechnete ich nach, ob es noch passen könnte. Das Ergebnis war aber immer: „Nein“. Irgendwie gelang es mir aber dann doch unter Einsatz der Stöcker (auch auf flachen Abschnitten) ein paar Reserven zu mobilisieren und die letzten 10 Kilometer dann doch wieder etwas flotter zu laufen.

Am Ende sagte die Laufuhr dann 165.4 km in 27h54min (Overall-Pace 10:07min/km). 4. Platz (und gleichzeitig Letzter) von ursprünglich 12 Startern. Ganze sechs Minuten vor Cut-Off! Krass. Ich kann es immer noch kaum glauben, dass es am Ende doch gepasst hat. Sonderpreis für die spannendste rote Laterne!

Wenn bzgl. meiner Geschwindigkeit kein Wunder passiert, würde ich heute sagen, dass ich einen 100 Meiler mit 4000 Höhenmetern und 28h Cut-Off so schnell nicht noch mal laufen würde/kann. 2 Stunden mehr wären schon ganz nett und würden (zumindest mir) doch ein deutlich enspannteres Laufen ermöglichen.

Zum Schluss bleibt wie immer der Dank an Häuptling Helmut und alle seine vielen Helfer für diesen 1a liebevoll organisierten und herausfordernden Lauf. Ich hatte mir z.B. Traubensaft an den VPs gewünscht und auch überall welchen bekommen. Klasse!

Zum Abschluss dann noch diverse Bilder. Das Gros der Fotos stammt, bis auf ein paar Bilder per Smartphone von mir, von Kerstin, die sich mit (per GPS vermessenen) 30.5 km bei 1100 Höhenmetern, mit der großen Kamera im Rucksack, auch ein Fleißpünktchen verdient hat: